"Wie sag ich's meinem Kinde?" - NAWI, MINT & TTN im Schulunterricht

Gerhard Peter

Initiator of TTN Berlin and Community Happyness Manager

Posted on 03-11-2018

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Achtung: Dieser Text überschreitet die für Blogeinträge dieses Genres übliche Länge deutlich und fordert die Aufmerksamkeitsspanne der Leser_innen_schaft in hier nicht gewohntem Umfang.

Vor einigen Wochen erhielt ich eine Nachricht über das TTN Personal Mail System. Am anderen Ende meldete sich ein Lehrer einer benachbarten Grundschule. Er habe einige Fragen zu TTN, habe mein TTN Gateway in den maps entdeckt....
Ob wir uns mal treffen könnten? Es waren zu jener Zeit noch "grosse Ferien". Lange her, daß ich von diesen betroffen war. Ja, sicher! No Problem. Gesagt. Getan. Kaffee getrunken. Später noch einen. Es wurde dann doch etwas länger. - Er führte eine Sensebox mit sich. So ein giftgrüner Kasten, wie in der nachfolgenden Abbildung gezeigt...

Der Name des Lehrers ist "Herr H.". So nennen Ihn seine Schüler natürlich nicht, sie sprechen ihn mit seinem vollen Namen an. Belassen wir es hier jedoch bei "Herrn H.". Herr H. unterrichtet NAWI (= naturwissenschaftlicher Unterricht), in der 5./6. Klasse. Dabei ist er eigentlich gar kein"richtiger" Lehrer. Er hat eine Abschlussurkunde in der Tasche, zudem von einer renommierten deutschen Universität. Er ist Diplom-Ingenieur. Ich war überrascht. Ein Seiteneinsteiger. Parallel qualifiziert er sich als Lehrer. Bald wird auch er ein "gar richtiger Lehrer" sein. Äusserlich wird er sich dann nicht von allen anderen im Lehrerkollegium unterscheiden. Naja, das tut er heute auch nicht. Aber ein Fremdkörper ist er doch. Irgendwie. Er sprüht vor Ideen und Tatkraft. Viele Lehrer_innen in Staatsdiensten tun das nicht mehr oder taten das noch nie. Viele meinen burnoutet zu sein oder sein zu müssen. Es ist ja nicht allzu schwer, das Rentensystem in Anspruch nehmen zu dürfen. Lehrer ist eben oftmals auch eine Diagnose. Da frägt man sich... Wer wird, und warum eigentlich, Lehrer? (Jetzt kommt gleich der shitstorm, jaja.)

In Berlin also bekämpft man den Lehrermangel auf diese Weise, sozusagen im "reverse mode". Wieder ein Beweis, dass Planwirtschaft nichts taugt. Aber das wissen wir ja. Und das bereits seit langer Zeit.

Ich erläuterte dann dem TTN Novizen eben jenes dashboard und OTA und ABP und all den Kram, den man so benötigt, um technisch erfolgreich zu sein.

Ich erfuhr derweil, daß die Schule eine Problemschule sei. Keine Rütli - Schule im engeren, bundesweit bekannten, skandalträchtigen Sinne. Jedoch: viele Kinder aus Migrantenhaushalten, Hartz IV. Nennt man heute in "besseren Kreisen" -von dort aus gesehen-, etwas Nase rümpfend "bildungsferne Schichten". Für die groben Arbeiten zieht man diese "fernen Schichten" dann aber doch ganz gerne "ganz nah" heran. Wie der Tortenboden. Die Geburtstagskerzen finden sich oben auf.

Die Familie des "Herrn H." kommt ebenfalls nicht aus Bio-Deutschland. Er hat einen Migrationshintergrund in erster Generation. Das klingt bereits nach Ahnenpass. Wie die Mehrheit seiner ihm anvertrauten Schüler_innen. "Herr H." ist nett, ja smart würde man vielleicht sogar sagen. Geistig sehr agil. Hilfsbereit. "Herr H." möchte etwas bewegen. Für seine Schülerinnen. Für seine Schüler. Für seine Schule. Für sein Kollegium. Für Berlin. Für Deutschland. Für Europa. Es wird klar, er ist eine gewisse Ausnahmeerscheinung. - "Herr H." ist engagiert, nicht überengagiert, wie man bei diesen Gelegenheiten gerne versucht, krampfhaft herauszufinden. - Er ist gut vernetzt, informiert, klug, taktisch und strategisch geschickt handelnd. Er argumentiert eloquent. Überzeugend. Eindrücklich und nachdrücklich. Er ist gewillt zu lernen, als künftiger Lehrer.

Seine Schüler, so mein Eindruck, mögen "Herrn H.". Besser: sie respektieren ihn sehr. Er ist ein Lehrer. Er bestimmt auch, strahlt unaufdringliche Autorität aus. Keine "Macht". - Ein guter Lehrer. - Einige "von dieser Sorte" hatte ich auch. Vor langer Zeit. Ein lebenslanges Glück. - Ein Lehrer, der die Zeichen seiner Zeit erkennt. In Berlin. In einer Problemschule.

Problemschulen werden übrigens, in Berlin, aufgrund des Anteil von Eltern mit "Berlin-Pässen" identifiziert. Ab 70 % aufwärts ist es eine Problemschule.

"Der berlinpass ermöglicht Berlinerinnen und Berlinern, die Hartz IV, Sozialhilfe, Grundsicherung, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, Wohngeld, Opferrenten nach dem SED-Unrechtsbereinigungsgesetz bzw. NS-Ausgleichsrenten nach dem Gesetz über die Anerkennung und Versorgung der Politisch, rassisch oder religiös Verfolgten des Nationalsozialismus (PrVG) erhalten, den vergünstigten Eintritt bei Kultur, Bildung, Sport und Freizeit und erleichtert ihnen dadurch, am sozialen und kulturellen Leben in Berlin teilzunehmen."

Gestern nun erhielt ich folgende mail von "Herrn H." (gekürzt):

"Heureka! - Endlich läuft es und das LoRaWAN Modul sendet fleißig Daten von der Sensebox ins Netz: Nun bin ich Profi....und um ein paar Kopfschmerzen reicher und glücklicher.... Jetzt fehlt nur noch ein Gateway auf dem Dach😊 Schöne Grüße"

Ich freue mich, namens und im wohlverstandenen Auftrag der TTN Community Berlin, dass sich dank der Beharrlichkeit und des Interesses von "Herrn H." dieser Erfolg eingestellt hat. Noch wandern die Daten über die gateways von mir und von FOKUS (Fraunhofer) nebenan ins Netz. Bald sicher auch über ein autochthones Schulgateway.

Das Beispiel könnte Schule machen, im ursprünglichen Sinne des Wortes....

Einfach weitersagen.

Danke "Herr H."! Solche Lehrer benötigen wir mehr!

nota bene: Wer Kontakt mit "Herrn H." aufnehmen möchte, melde sich bei uns. Wir leiten gerne weiter. Bitte an : lorawan.berlin@gmail.com. Danke